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Tipps zum richtigen Sitz auf dem Fahrrad

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Mit dem Rad zur Arbeit

Wundgescheuerte Hautpartien, Taubheitsgefühl oder Schmerzen an Sitzknochen oder Steissbein können den Spaß am Rad fahren verderben. Dem Sattel gebührt deshalb schon beim Fahrradkauf weit größere Aufmerksamkeit als meist üblich. Geben Sie sich nicht automatisch mit dem Sattel zufrieden, der serienmäßig montiert ist.

Ersten Aufschluss kann nur eine Probefahrt geben. Doch erst eine mehrstündige Fahrt vermittelt weiter gehende Erkenntnisse. Handeln Sie deshalb vorsorglich ein befristetes Umtauschrecht aus. Ein gut passender Sattel muss nicht unbedingt teuer sein. Für Spitzenmodelle können Sie problemlos mehr als 100 Euro hinblättern, unter Umständen aber auch schon für 20 Euro Ihren Idealsattel finden.

Mit einem Sattel verhält es sich ähnlich wie mit Schuhen: Anprobieren gehört zum Kauf. Trotzdem drücken neue Schuhe manchmal erst nach zwei Stunden Herumlaufen. Eine weitere Parallele: Das Modell richtet sich nach dem Einsatzzweck. Auf ein sportliches MTB gehört ein anderer Sattel als auf ein Citybike. Das eine Sattelmodell für alle Einsatzzwecke, das dann womöglich auch noch allen passt, gibt es einfach nicht.

Dieser Tipp will Ihnen helfen, allzu schmerzhafte Umwege bei der Suche nach „Ihrem" Sattel zu vermeiden. Machen Sie sich für eine Vorauswahl klar, wie sich Form, Material, Oberfläche und Federung auf den Sitzkomfort auswirken.

Sattelformen

Die Form des Sattels richtet sich nach der Sitzposition: Je aufrechter Sie sitzen, umso breiter darf der Sattel hinten sein. Denn bei aufrechter Fahrweise lastet der größte Druck im Bereich der Sitzknochen hinten auf dem Sattel. Bei eher sportlicher Haltung mit mittlerer Neigung nach vorne verteilt sich die Belastung über den Sattel, während bei extrem nach vorne geneigter, sportlicher Haltung wie auf dem Rennrad der Druck hauptsächlich vorne auf die Sattelnase erfolgt. Die bessere Kraftübertragung bietet eine sportliche Haltung, bei der im Extremfall ein schmaler Sattel nur als leichte Stütze dient.

Breiter Sattel für aufrechte Sitzposition von etwa 90 Grad

Schälerer Sattel für geneigte Sitzposition von etwa 60 Grad

Schmaler Sattel für sportlich geneigte Sitzposition von etwa 45 Grad

Damen- und Herrensättel unterscheiden sich vor allem in der Länge. Denn der Beckenbau von Mann und Frau ist nicht identisch: Die weiblichen Schambeinbogen steigen weniger steil an. Frauen verspüren mit zunehmender Neigung der Sitzposition deshalb schneller Druckbeschwerden, weil diese Knochen früher auf den Sattel drücken als bei Männern. Zudem ist beim weiblichen Becken der Abstand zwischen den Sitzknochen größer. Es wäre jedoch falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass ein Damensattel hinten generell breiter sein müsse als ein Herrensattel. Entscheidend ist der individuelle Körperbau. Es gibt nun mal schmale, zierliche Frauen genauso wie breiter gebaute Männer.

Achten Sie beim Probefahren darauf, dass die Oberschenkel am Übergang zur Sattelnase ausreichend Bewegungsfreiheit haben, damit sie nicht wundscheuern. Als „Rocksattel" sind Modelle auf dem Markt, bei denen die Sattelnase sehr kurz gehalten ist oder völlig fehlt. Sie bieten den Oberschenkeln allerdings wenig bis keine Führung. In Einzelfällen kann ein solcher Sattel dennoch sinnvoll sein, jedoch nur bei sehr aufrechter Sitzposition.

Material und Oberfläche

In den letzten Jahren haben die Hersteller versucht, ihre Sättel besser an die menschliche Anatomie anzupassen, etwa durch Mulden oder Aufpolsterungen an entsprechenden Stellen. Um die auf den Sattel einwirkende Gewichtskraft an den stark belasteten Punkten auf eine größere Fläche zu verteilen (und so den Druck zu mindern), wird häufig Gel unter der Satteldecke eingelagert. Eine nicht ganz so gute Polsterung liefert Schaumstoff mit hoher Dichte, eine deutlich schlechtere Low-Density-Schaum. Weil die darunter liegende Grundplatte des Sattels aus Metall oder Plastik starr und hart ist, sorgt bei einigen Modellen eine Mulde oder Öffnung in dieser Platte dafür, dass in der Sattelmitte die Polsterschicht stärker nach unten nachgeben kann.

Speziell für Frauen entwickelt, doch längst auch für Männer erhältlich sind Sättel mit einem Loch in der Mitte; denn ein luftiges Loch sollte überhaupt nicht drücken. Doch ebenso wie Gel seine Wirkung nur dann entfalten kann, wenn die Polster an den individuell richtigen Stellen sitzen, muss auch ein solcher Sattel zur persönlichen Anatomie passen.

Apropos passen: Vorsicht ist bei Gelsätteln mit schlechter Verarbeitung und minderer Gelqualität geboten: Die gallertige Masse weicht dem Druck aus und sammelt sich dort, wo sie eigentlich gar nicht gebraucht wird. Ein eindeutiges Erkennungsmerkmal dafür gibt es allerdings nicht, allenfalls ist bei billigen Sätteln mindere Qualität wahrscheinlicher.

Als Satteldecke finden bei Gelsätteln vor allem synthetische Materialien, aber auch Leder Verwendung. Probieren Sie selbst aus, ob Sie eine rutschhemmende Oberfläche bevorzugen oder ob Ihnen eine glatte mehr zusagt, auf der Sie jederzeit kleine Korrekturen in der Sitzposition vornehmen können. Die Oberfläche von Gelsätteln ist häufig recht empfindlich für Beschädigungen. Quillt dann das Gel nach draußen, wird der Sattel unbrauchbar. Als Schutz vor Beschädigung, wenn das Rad mal umfällt oder an einer Mauer lehnt, findet man gelegentlich seitlich einen Flankenschutz aus hartem Kunststoff oder reißfestem Kevlargewebe.

Bei Kernledersätteln ist eine mehrere Millimeter dicke Satteldecke aus Leder über ein Metallgestell gespannt. Diese robusten Sättel passen sich der individuellen Körperform an, allerdings erst im Laufe der Zeit - sie müssen eingefahren werden.

Brooks Kernlerdersättel mit Spiralfeden passen sich der Körperform an, wenn man sie eingefahren hat

Der Damensattel "Terry Liberator X Gel" wurde speziell für Frauen entwickelt

Eine Probefahrt kann hier also nur einen ersten Eindruck vermitteln. Auch wenn Ledersättel dabei hart erscheinen: Sind sie erst einmal „eingeritten", bieten sie meist hohen Komfort. Ein Tipp zum Einfahren: Viele kurze Alltagsstrecken bringen denselben Effekt wie einige wenige lange Touren - mit geringeren Leiden. Das Leder lässt sich außerdem durch mehrmaliges, kräftiges Fetten von unten vorbehandeln. Nachteilig an einem Ledersattel ist sein größerer Pflegebedarf: Die Lederdecke muss regelmäßig gefettet und hin und wieder etwas nachgespannt werden. Beim Abstellen des Rads muss Leder gegen Regen geschützt werden. Dafür hat sich eine unter dem Sattel mitgeführte Plastiktüte bewährt. Ein weiterer Nachteil: Dunkles Leder neigt zum Abfärben.

Bei Rennsätteln finden zur Gewichtseinsparung beim Sattelgestell anstelle von Stahl Aluminium und Titan Verwendung. Im Alltagsverkehr und auf Reisen ist jedoch die richtige Passform des Sattels viel entscheidender als der Gewichtsvorteil.

Federung

Eine Federung, die Bodenunebenheiten schluckt, ist bei aufrechter Sitzposition sehr komfortabel, bedeutet allerdings Energieverlust bei der Kraftübertragung aufs Pedal. Altbekannt sind Stahlfedern am Sattel, die sich bei hohen Trittfrequenzen aber lästig aufschaukeln. Gedämpfte Federn, z.B. aus Elastomerschaum, verhindern mit ihrer abgebremsten Federbewegung diesen Effekt. Elastomere sind zudem auch ohne Abdeckung keine Quetschgefahr für Kinderhände, wenn hinten in einem Kindersitz der Nachwuchs mitfährt.

"AirWings" gefederte Sattelstütze nach dem Telekopprinzip

Gefederte Sattelstütze "Moxey" mit Parallelogramm und Elastomer als Federlement

Gefederte Sattelstützen funktionieren meist nach dem Teleskop-Prinzip und sind oft regulierbar. Wird die Federung jedoch zu weich eingestellt, ändert sich der Abstand Sattel - Pedal ständig; ein nerviges Wippen ist die Folge. Wichtig bei der Auswahl einer Federsattelstütze ist die Führung der beweglichen Teile: Mindere Qualität hat hier raschen Verschleiß zur Folge, der die Federwirkung beeinträchtigt und seitliche Drehbewegungen hervorruft.

Ergonomische Einstellung des Sattels

Der Sattel befindet sich in der richtigen Höhe, wenn bei unterer Pedalstellung Ihr mit der Ferse auf dem Pedal stehendes Bein durchgestreckt ist (pedaliert wird natürlich mit dem Ballen, nicht mit der Ferse!). Mindestens 6 cm der Sattelstütze müssen dabei im Rahmen bleiben, da sonst aufgrund der Hebelwirkung das Sattelrohr des Rahmens oder die Sattelstütze brechen können. An guten Stützen findet sich eine entsprechende Markierung.

Der Sattel befindet sich in der richtigen Höhe, wenn bei Pedalstellung unten die Ferse auf dem Pedal steht und das Bein senkrecht zum Boden durchgestreckt ist (hier nicht ganz optimal, da die weisse Linie senkrecht zum Boden stehen sollte).

Bei waagerechter Pedalstellung soll die Kniescheibe genau senkrecht über der Pedalachse stehen.

Befestigt ist der Sattel in der Sattelklemme, in der Sie die Sattelposition horizontal und in der Neigung verstellen können. Suchen Sie Ihr individuelles Optimum ausgehend von folgendem ersten Richtwert: Richten Sie den Sattel waagrecht aus und setzen Sie sich in Fahrhaltung darauf. Bei waagrechter Kurbelstellung sollte nun eine gedachte Linie von der Kniescheibe des vorderen Knies nach unten in etwa senkrecht auf der Pedalachse stehen.

Lange genutzter Sattelkloben, gilt heute als veraltet

Sogenannte Patentsattelstütze mit universeller Einstellmöglichkeit

Sättel mit kurzem Untergestell lassen sich weniger weit nach hinten schieben. Hier kann eventuell eine nach hinten gezogene Klemme Abhilfe schaffen. Die Neigung des Sattels stellen Sie am besten erst einmal waagrecht ein. Treten Druckbeschwerden auf oder rutschen Sie nach vorne, so korrigieren Sie die Neigung entsprechend.

Ob für Sie nun ein gefederter oder ungefederter, ein weicher oder harter, ein breiter oder schmaler, ein Gel- oder Ledersattel der richtige ist, können nur Sie ganz alleine herausfinden. Zu groß sind die individuellen Unterschiede und die subjektiven Empfindungen. Raten kann ich nur zum Ausprobieren und zum Umtausch von unpassendem Material. Nehmen Sie sich Zeit für die Suche nach dem geeigneten Stück und gehen Sie ruhig in mehrere Geschäfte.

Sitzbeschwerden lassen sich freilich nicht durch einen anderen Sattel beheben, wenn die Ursache anderswo liegt: Ungeeignete Kleidung kann reiben, Nähte in Radsporthosen können drücken, entzündliche Erkrankungen des Genitalbereichs wie Pilzinfektionen können Hautreizungen verursachen. Dennoch gilt: Ein passender Sattel ist eine Grundvoraussetzung für komfortables, beschwerdefreies Rad fahren.

© Traudl Schröder

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