Von der Laufmaschine zum Stadtverkehrsmittel des 21. Jahrhunderts

13. ADFC Mittagsgespräch mit Sylvia Hladky, Leiterin des Verkehrszentrum des Deutschen Museum München

Silvia Hladky illustriert die wechselnde Rolle des Fahrrades als Verkehrsmittel bis ins 21. JahrhundertMobilität als Grundlage wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung war das zentrale Thema des 13. ADFC Mittagsgespräches. Ein entscheidender Faktor ist hierbei das Fahrrad. Sylvia Hladky überzeugte die zahlreich erschienenen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verbänden in einem höchst informativen, interessanten wie kurzweiligen Vortrag über die Rolle des Fahrrades seit seiner Erfindung im 19. Jahrhundert bis heute.

„Das Fahrrad ist mehr als ein Fortbewegungsmittel, es bietet Lösungen für vielfältige Problemstellungen unserer Zeit wie Ressourcenverbrauch, Klimaveränderungen und Gesundheit“, leitete Frau Hladky ihren Exkurs über die Rolle des Fahrrades in der Verkehrsgeschichte ein.

Die Mobilitätsentwicklung bekam 1817 mit der Erfindung des Fahrrades einen gravierenden Impuls. Ging man davor überwiegend zu Fuß – Postkutschen und Pferde waren keine Verkehrsmittel, die sich jeder leisten konnte – veränderte das Rad die Bewegungsmöglichkeit des Einzelnen und war der Beginn einer Vielfalt von neuen Mobilitätsangeboten. Im 19. Jh. wurden außer dem Fahrrad die Dampflokomotive, das erste Elektroauto, die Straßenbahn und schließlich 1903 das Flugzeug erfunden. Aber es war das Fahrrad, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts zum Massenindividualverkehrsmittel entwickelte. Dabei waren die ersten Räder bis circa 1890 keineswegs komfortable Fortbewegungsmittel. Sie waren schwierig zu fahren, die Gefahr zu stürzen war außerordentlich hoch, es gab kaum geeignete Straßen und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6-8 km/h waren sie auch nicht besonders schnell. Dafür waren Prestige und Preis umso höher. Ausschließlich Männern vorbehalten, war das Fahrrad ein exklusives Sportgerät für betuchte Herren.

Das änderte sich Ende des 19. Jh’s mit der Entwicklung des Niederrades: vom exklusiven Sportgerät avancierte das Rad zum Massenverkehrsmittel. Die Durchschnittsgeschwindigkeit stieg auf circa 25 km/h und durch die Industrialisierung sanken die Kosten. Damit wurde es für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich. Durch die Einführung spezieller Radwege wurde Rad fahren immer attraktiver. Und die männliche Domäne brach auf: Frauen eroberten das Rad, die Mode veränderte sich, der Hosenrock wurde en vogue und schließlich trugen auch Frauen Hosen.

„Ohne das Fahrrad wäre die Emanzipation der Frau durch die neugewonnene Mobilität und Unabhängigkeit nicht möglich gewesen“, führte Frau Hladky den Zuhörern vor Augen und gab damit ein einleuchtendes Beispiel für die gesellschaftliche Relevanz dieses Fortbewegungsmittels.

Das blieb so bis weit in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Während der Kriege war das Fahrrad häufig das einzig funktionierende und verfügbare Verkehrsmittel. Mit dem Wirtschaftswunder verdrängte das Auto das Fahrrad. „Man fuhr mit dem Auto in den Wald und holte das Klapprad aus dem Kofferraum, um im Grünen spazieren zu fahren“. Das Fahrrad verlor zusehends an Prestige und verschwand im Keller. Gleichzeitig wurden die Städte autogerecht umgebaut.

Wie hoch der Einfluss des Fahrrades auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse ist, erläuterte Sylvia Hladky anhand des BMX-Rades, das in den 1980er Jahren die Herzen von Kindern und Jugendlichen eroberte. „Ein geländegängiges Fahrrad war etwas völlig neues, das gab es vorher nicht. Jeder Junge wollte so ein Rad haben“, führte Frau Hladky aus und betonte, dass die Sozialisation dieser Jugendlichen für die Renaissance des Rades ein nicht zu unterschätzender Faktor war. Rad fahren wurde wieder attraktiv und erfuhr eine neue Wertigkeit. Gleichzeitig begann der Rückbau der autogerechten Städte.

Als weiteren Trend, der die Mobilität deutlich verändert, führte sie das Pedelec an. Zu Beginn als Seniorenräder belächelt, „ärgerte sich so mancher am Berg schwitzend von einem elektrifizierten Senioren überholt zu werden“. In den letzten Jahren verlor sich das Image als „Seniorenverkehrsmittel“ jedoch zunehmend und in den Vordergrund traten die deutlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeit von bis zu 45 km/h (Autos kommen in der Stadt nur auf 25-35 km/h), der hohe Komfort und die gestiegene Reichweite.

Abschließend kam Frau Hladky auf die heutige Multimodalität zu sprechen. Das Fahrrad als eine wichtige Komponente im Verkehrsmittelmix sieht auch ADFC-Landesvorsitzender Armin Falkenhein als Modell der Zukunft. Kombiniert mit Zug, öffentlichem Nahverkehr oder Leihauto ist das Fahrrad ein idealer Baustein zeitgemäßer Mobilitätsketten. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) setzt sich dafür ein, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen: dazu zählen der verstärkte Ausbau der Fahrradinfrastruktur, eine neue Verteilung des Straßenraumes und Sharingmodelle wie Leihräder, die z.B. via Smartphone buchbar sind.

Der Nutzen des Rades als individuelles und unabhängiges Verkehrsmittel findet auch immer stärker in Stadtplanungskonzepten Berücksichtigung. Städte wie New York, Paris, London und sogar Moskau setzen verstärkt aufs Rad, um Bevölkerungswachstum und Verkehrsdichte in den Griff zu bekommen.

Text: Sandra von der Kaus 

13. Mittagsgespräch mit Referentin Silvia Hladky

Fotos: Traudl Schröder

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