2. ADFC Mittagsgespräch mit Professor Gebhard Wulfhorst

„Entweder agieren wir bald nachhaltig, oder wir agieren schon bald gar nicht mehr“

Professor Gebhard Wulfhorst, Lehrstuhlinhaber an der Technischen Universität in München, hat beim zweiten ADFC-Mittagsgespräch am Mittwoch im Haus der Landkreise in München keinen Zweifel an der Dringlichkeit eines gesellschaftlichen Wandels gelassen. Der Verkehrsplaner – Wulfhorst leitet den Lehrstuhl seit 2006 – plädierte dafür, im „urbanen Raum aktiv Angebote zu schaffen“ statt darauf zu warten, dass sich die Nachfrage verändere.

„Neben dem demografischen Wandel und dem Wertewandel erleben wir derzeit einen massiven Wandel im Mobilitätssektor“, sagte Wulfhorst. Dass dieser Prozess, der „so gravierend wie die Industrielle Revolution sein dürfte“, dringend notwendig ist, könne von niemandem mehr ernstlich bezweifelt werden. „Wir können uns nicht mehr aussuchen, ob wir nachhaltig wirtschaften wollen oder nicht“, sagte Wulfhorst. Entweder agiere die Menschheit schon sehr bald nachhaltiger als gegenwärtig, oder sie agiere schon bald gar nicht mehr.

Vier Elemente unterschied Wulfhorst, die urbane Mobilität kennzeichneten. Jedes müsse zwar für sich betrachtet und untersucht werden. Es gehe bei der Gestaltung der Zukunft  aber gerade um das rechte Zusammenspiel der vier Module. „Jeder Mensch wechselt intermodular“, sagte der Professor. Man sei sowohl Fußgänger als auch Radfahrer oder Autonutzer. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), in Teilen das Auto, das Fahrrad und – in erster Linie – die eigenen Füße seien die Verkehrsträger der Zukunft.

München sei im Bereich ÖPNV prinzipiell hervorragend aufgestellt. „Die Idee der Stammstrecke ist phänomenal.“ Allerdings stoße das Konzept schon längst an die eigene Kapazitätsgrenze. Deshalb müsse man „die Möglichkeiten eines Ausbaus aktiv weiterdenken“ – auch ohne den erhofften Geldsegen im Zuge der olympischen Winterspiele 2018.

Elektroautos seien keineswegs so umweltfreundlich, wie es die Bundesregierung glauben machen wolle – von den 45 Millionen derzeit in Deutschland zugelassenen Pkw solle außerdem gerade einmal eine Million elektrisch betrieben werden. Und zwar bis zum Jahr 2020. Dabei sei der zu erwartende Nutzen für die CO2-Bilanz überschaubar. „Man rechnet mit einem bis zwei Prozent Verbesserung.“

Deutlich sinnvoller und bereits in vollem Gange sei der Umstieg aufs Fahrrad. Seien im Jahr 2002 noch zehn Prozent der Münchner geradelt, seien es im vergangenen Jahr laut Mobilitätsstatistik schon 17 Prozent gewesen. Um den Anreiz noch weiter zu erhöhen, seien zwei Dinge wichtig: „Mehr und bessere Abstellanlagen für Fahrräder und eine bessere Verknüpfung mit dem ÖPNV.“ Schon heute liege der Radius eines Fahrrades zwischen fünf und zehn Kilometer. Berücksichtige man die enormen Möglichkeiten der E-Bikes „führt man schon bald eine regionale Debatte“.

Der Hauptverkehrsträger, so der Professor, seien in Zukunft aber die eigenen Füße. In einigen urbanen Bereichen liege der Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen bereits heute bei 40 Prozent. Um in diesem Sektor weitere Zuwächse verzeichnen zu können, seien zwei Faktoren entscheidend: „Ein attraktives Stadtbild und soziale Sicherheit.“ Beides habe München in hohem Maße zu bieten.

Wie lebenswert die Zukunft sei, hänge allerdings „vom Verhalten eines jeden Einzelnen ab“, sagte Wulfhorst. Und auch in diesem Punkt betonte er die Chancen, nicht die Risiken. Selbst Abraham Maslow, der große amerikanische Motivationstheoretiker, habe seinem fünfstufigen Pyramidenmodell kurz vor seinem Tod eine sechste Stufe hinzugefügt: Die höchste Motivation für menschliches Handeln, sagte Wulfhorst, sei „das altruistische Verhalten“, also das Agieren zum Wohle anderer. Deutlicher kann man Hoffnung wohl nicht in Worte kleiden.

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